Zwischen Großem und Kleinem Rhône erstreckt sich die Camargue, das Land der tausend Gesichter, eine weite Landschaft aus Salzsteppe und Salzseen, étangs genannt, die jedes Jahr ihr Aussehen verändert. Man findet sie niemals wieder, wie man sie verlassen hat: wo im Vorjahr Steppe war, kann nunmehr sich ein étang ausbreiten oder auch umgekehrt. Sie ist die Heimat der Rosa Flamingos, der weißen Pferde und schwarzen Rinder und ihrer Hüter, der stolzen guardians. Hunderte von Dämmen und Kanälen durchkreuzen das Land, neben einigen großen, beständigen étangs die einzigen Fixpunkte in dieser Veränderlichkeit. An ihrem Nordrand breiten sich große Reisfelder aus, gesprenkelt von Möwen und Kuhreihern, die in ihnen auf Nahrungssuche gehen. Man hat sie häufig verteufelt, die Camargue-Bauern und ihre Reisfelder, die angeblich die Naturlandschaft fressen, aber ihrer Ausbreitung sind ohnehin natürliche Grenzen gesetzt. Viel mehr schaden der Camargue die badesüchtigen Städter, das sieht man deutlich am Beispiel des Beauduc.

Man sieht es nicht auf den ersten Blick, aber die Camargue pulsiert von Leben. Ihre Pflanzen sind anspruchslos und widerstandsfähig, müssen sie doch in einer Mischung aus Sand und Salz überleben und der Austrocknung oder Überflutung Widerstand leisten. Ihnen ähnlich sind auch die Pferde und Rinder, deren Nahrungsgrundlage sie bilden.

In den Kanälen und étangs und rund um sie leben viele Tiere, vor allem Vögel. Kuh-, Silber-, Seiden- und Graureiher, Säbelschnäbler, Strandläufer, Möwen und Seeschwalben tummeln sich im und am Wasser und darüber schweben Greifvögel - Bussard, Milan, Falke und andere. Über 160 Vogelarten haben Vogelkundler in der Camargue entdeckt! In den Büschen hocken nicht nur die Gelsen (= Stechmücken), die heimlichen oder unheimlichen Herrscher der Camargue, auch viele Arten anderer Insekten, Käfer und Schmetterlinge summen und brummen darin und darum - und Tausenden von Kaninchen bieten sie Deckung und Unterschlupf. Abends, wenn es still wird und die Touristenbusse abgezogen sind, kommen sie auf die Straßen. Sie sind honigfarben, klein und flink; letzteres ist eine Notwendigkeit, denn die Greifvögel sehen gut und sind blitzschnell. Schokoladehäschen sind sie mit ihren großen Augen, richtige, süße Schokohäschen!

Am späten Nachmittag und frühen Abend kehren die Flamingos von den vielen étangs, in denen sie Futter suchen, zurück zu ihren Brutplätzen. Gemächlich und mit melancholischem "Krok, krok" fliegen sie über Seen und Dämme. Unten stehen die Menschen in atemloser Begeisterung und verknipsen Foto um Foto, um wenigstens eine bildliche Erinnerung an die "fliegenden Blumensträuße" mit nach Hause nehmen zu können.

Nach und nach verlassen auch die letzten Besucher die Camargue, denn sie steht unter strengem Naturschutz und es nicht erlaubt, da zu campieren oder außerhalb fester Quartiere zu übernachten. Besonders streng ist der Schutz der Brutplätze der Flamingos am Fangassier, sie werden vom WWF betreut, der auch eine Infostation betreibt. Es zahlt sich aus, diese zu besuchen; man hält jede Menge Information für den Besucher bereit und dieser kann mit Fernrohren das Treiben der Altvögel und ihrer Jungen beobachten. Die Betreuer sind sehr stolz auf ihre Schutzbefohlenen und geben liebend gern Auskunft.

Die Herden der weißen Pferde und schwarzen Rinder - man nennt sie manades und wendet dieses Wort heute auch auf den ganzen Zuchtbetrieb an - werden von guardians betreut. Diese berittenen Hirten holen sich ihre Reittiere eben aus den Herden der halbwild lebenden Pferde.

MERKE: ein Guardian ist KEIN Cowboy!!!

Das städtische Zentrum der guardians und manadiers (= Viehzüchter) ist die kleine, aber inzwischen berühmte Stadt Les Saintes Maries de la Mer. Die Legende erzählt, daß etwa 40 n.Chr. in dieser Gegend ein Boot strandete, dem Maria Jacobäa (Schwester der Mutter Christi) und Maria Salome mit ihrer Dienerin Sara, begleitet von Lazarus (dem Wiedererweckten) und seinen Schwestern Martha und Maria Magdalena sowie Maximinius and Sidonius entstiegen. Die beiden ersteren Marien und ihre Sara blieben hier, die anderen verteilten sich im Landesinneren. Nach dem Tode der drei Frauen wurde über ihren Gräbern eine Kirche errichtet, die damals noch am Strand stand. Die Verlandung durch den Rhône hat es mit sich gebracht, daß die Kirche heute schon recht weit vom Meer entfernt ist. Die Gebeine sind heutzutage in Reliquienschreinen untergebracht.

Der Ort wurde durch die Zigeunerwallfahrt am 24. und 25. Mai jeden Jahres, dem Tag der Maria Jakobäa, zu ihrer Patronin Sara bekannt. Leider überschwemmen heutzutage Hunderttausende von Touristen zu dieser Zeit im Ort, sodaß die Wallfahrer, allen Bemühungen der Polizei zum Trotz, es kaum schaffen, ihren eigenen Gottesdienst zu besuchen. Eigentlich ist es ja das Jahresfest der Guardians, das geht aber in dem allgemeinen Wirbel um das Fahrende Volk restlos unter.

Trotzdem ist das Städtchen einen Besuch wert. Und wer die Camargue einmal zeitig früh aus dem Morgennebel aufsteigen sah, der ist ihr mit Haut und Haar verfallen!