Lou Prouvençau
Frankreichs Süden sprach nie Französisch. Es hatte seine eigene Sprache, die Langue d'Oc, das Okzitanische, das wiederum in verschiedene - nunja, Sprachen - zerfällt. Catalan, Provençal - und jedes Dorf spricht seine eigene Mundart. Diese Sprache ist eine eigenständige Entwicklung aus dem Vulgärlatein, parallel zum Französischen. Es klingt etwas härter und trotzdem melodisch, die "r" werden gerollt, und es fehlen die Nasallaute ebenso wie das Verschlucken der Endkonsonanten. Einen Sonderfall bildet Baskisch, von dem die Basken behaupten, es sei überhaupt die Ursprache schlechthin, leiten sie doch ihre Herkunft von der Urururbevölkerung des Landstriches ab - die Höhlenmalereien stammen von ihren direkten Vorfahren, so erzählen sie es dem Fremden. Und kein Wissenschaftler konnte sie bisher Lügen strafen!
Lange Zeit war es den Bewohnern des Südens unter Androhung schwerster Strafen verboten, ihre jeweilige Sprache zu gebrauchen und ihre Tradition zu pflegen, sie hatten Französisch zu sprechen und französisch zu leben. Damit wollte man sie zu französischer Lebensart und Denkweise zwingen und ihre eigenständige Kultur auslöschen. Man wollte aus Katalanen, Basken, Gascognern, Provençalen usw. "richtige" Franzosen machen - ob das wirklich gelungen ist, daran zweifeln auch die Franzosen ...
Kaum ein Land hat soviel mitgemacht wie gerade der Süden Frankreichs. Seine Eroberung ist eine Geschichte unvorstellbarer Grausamkeit, seine Erde ist mit Blut getränkt; auf den Berggipfeln ragen Burgruinen wie Mahner in den Himmel - nein, vergessen ist sie nicht, die Geschichte dieses Landes, aber ein barmherziger Himmel hat die Erinnerung gemildert und die Bitternis in Duldsamkeit verwandelt.
Der Süden besinnt sich wieder auf seine Tradition, alte Sitten und Gebräuche werden gepflegt und alte Lieder gesungen. Es gibt sogar Gegenden, in denen die alte Tracht wieder zum Kirchgang getragen wird, nicht nur als Touristenattraktion. Heute wird die Sprache des Südens wieder an den Schulen gelehrt, wenn auch als Freigegenstand. Es gibt die alten Lieder, es gibt auch Literatur, dennoch verstehen nicht mehr sehr viele Leute ihre alte Sprache. Aber wer weiß schon, was die Zukunft bringt! Je schlechter es den Leuten geht, je spürbarer "Paris" die Menschen belastet, umso mehr besinnen sie sich auf ihre eigenen Wurzeln und umso größer wird der Widerstand gegen die Zentralgewalt.
Die drei Plagen der Provence, so sagte man uns:
der Rhône / die Durance (die Lebensadern der Provence),
der Mistral (eisiger Fallwind aus dem Norden im Rhônetal)
die Regierung in Paris.
Die Rückbesinnung auf eigene Sprache und Tradition fing in der Provence mit der "Félibrige" an, einer Vereinigung von Schriftstellern und Dichtern unter der Federführung des Poeten und Linguisten Frédéric Mistral. Näheres dazu erzähle ich auf der Seite "Coupo Santo". Es war ein schwerer Kampf, ebenso schwer wie der um die baskische Autonomie, aber er ist in gewisser Weise gewonnen. Zumindest wird die Sprache an den Schulen wieder unterrichtet, allerdings wird sie kaum noch gesprochen. Wer das Volkskundemuseum in Arles besucht, kann im Zimmer der Félibrige die Dokumente einsehen und sich über sie informieren.
Als Gast freut man sich an den Traditionen, denen man vor allem auf ihren Festen begegnet. Die schönen Trachten, die Tänze, die Wettbewerbe - all das macht den Gast mit der einstigen Lebensweise der Provenzalen bekannt. Sie feiern ihre Feste gern und Touristen sind willkommen, aber sie werden nicht für die Touristen veranstaltet. Sie sind eine Gelegenheit, Nationalstolz zu zeigen - sich selbst und denen, die zufällig dazukommen. Und ihr Nationalstolz heißt: Provence (oder Languedoc oder Roussillon etc) und NICHT Frankreich.
Über ihre Feste erzähle ich mehr auf einer eigenen Seite.