„Quau tèn la lengo, tèn la clau que di cadeno lou deliéuro.“

Wer seine Sprache bewahrt, hält den Schlüssel in der Hand, der ihn von seinen Ketten befreit.

Dieser Ausspruch von Frédéric Mistral erklärt die Seele der Provence.

 

Wie schon auf der vorherigen Seite erwähnt, wurde Frankreichs Süden blutig erobert. Er setzte sich aus einer Reihe von Grafschaften, Fürsten- und Herzogtümern zusammen, die unabhängig waren und immer bereit, ihre eigenen Streitigkeiten auszutragen. Mit dem Königtum Frankreich hatten sie nichts im Sinn. Für den Papst war der Süden eine  Brutstätte von Abweichlern von der offiziellen Lesart der Kirche, aufmüfig und ungehorsam und so gab er dem französischen König freie Hand, sich über das fruchtbare Land und die wohlhabenden Städte herzumachen. Offizielle Lesart: Bekämpfung der Ketzerei. Es hatten sich Sekten gebildet, die sich von der Kirche und ihren Mißbräuchen lossagten, wie die Waldenser und Katharer und die wohl bekanntesten, die Albigenser. Ihnen schloß sich auch ein Gutteil des Adels an, unter anderem die Grafen von Toulouse. Natürlich war das ein Dorn im Auge des Papstes und weckte die Begehrlichkeit des immer geldhungrigen französischen Königs. So rief Innozenz III einen Kreuzzug gegen die Albigenser aus, der 20 Jahre dauerte, die Katharer / Albigenser vernichtete und den Süden in die gierigen Pfoten des französischen Königs gab.

Die Langue d'Oc, das Okizitanische, wurde erst als bäurisch und primitiv verspottet und später ganz verboten, wie auch die Lieder, Tänze und Trachten der Okzitanier. Im 19. Jahrhundert galten sie als ausgestorben, bis auf spärliche Reste in ganz abgelegenen Gebieten. Aber tot - nein, tot war die Kultur trotzdem nicht. Im Herzen waren sie immer noch Okzitanier und nicht Franzosen, und so schlossen sich 1854 sieben Dichter und Schriftsteller unter der Führung des Poeten Frédéric Mistral in der Provence zusammen - zur Rettung und Wiederbelebung des Provenzalischen. Sie nannten sich die Félibrige - und hatten tatsächlich Erfolg in ihrem Kampf um die Identität der Provenzalen und nicht zuletzt gegen die Zentralregierung in ihren muffigen Beamtenstuben. Dazu trug nicht zuletzt Mistrals Meisterwerk "Mireio", ein Versepos in provenzalischer Sprache, bei.

Eine katalanische Bruderschaft von Dichtern schenkte Mistral 1867 einen silbernen Kelch als Anerkennung und Mistral schrieb daraufhin das Gedicht "Coupo Santo", der Heilige Kelch, das heute nach einer Melodie von Nicolas Saboly gesungen wird und als Hymne der Provence gilt. Die getragene Melodie strahlt unglaubliche Würde aus und bewegt die Herzen der Zuhörer zutiefst, auch wenn man den Text nicht versteht. Vermutlich wirkt die Andacht, mit der die Bevölkerung das Lied singt, so berührend. Das Gedicht bittet den Kelch, Begeisterung für Poesie, Freiheit und Zusammengehörigkeitsgefühl auszugießen, denn das Volk soll nicht vergessen, daß es stark und groß ist und was es ist. 

Coupo Santo ist in diesem Kontext nicht nur ein Lied, sondern ein Symbol des Widerstands gegen das Vergessen. Frédéric Mistral und seine Mitstreiter versuchten, einer Sprache und Identität wieder Würde zu verleihen, die damals als "bäuerlich" und "minderwertig" stigmatisiert war. Klicke den folgenden Link an, um das Lied zu hören.

Coupo Santo - die Hymne

Prouvençau, veici la coupo
Que nous vèn di Feliibre;
Chio m'en bèn, chio m'en bèn
Di feliibre de la man!

D'un biou pople fièr e libre
Sian bessai la finicioun;
E se toumbon li feliibre,
Toumbaro nòstou nacioun.

Pèr la glòri dou passat,
Vous que sias li nòstri gènt,
Vuejo-nous la liberta
Que s'acordo emé la lèi.
 

Refrain nach jeder Strophe:

Coupo santo e versanto,
Vuejo à plen bord, vuejo à flò
Li poun de l'estousiame
E l'oublit dou mort!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wie schon gesagt, lieber Gast: wenn die feierliche Hymne zum Ende eines Festes erklingt, steht man ganz ungebeten auf und weil sie sich im Herzen festsetzt, trägt man eine Ahnung vom provenzalischen Wesen mit nach Hause.

So ging es nicht nur meinem Mann und mir, dazu erzähle ich jetzt eine kleine Begebenheit.

Mein Mann mußte ins Krankenhaus in Arles, weil er sich eine Lungenentzündung zugezogen hatte. Wir lebten damals auf dem Campingplatz von Fontvielle, einem kleinen Städtchen in den Alpilles. Unsere Zeltnachbarn, ein niederländisches Ehepaar, kümmerte sich rührend um mich in dieser Zeit und als Dankeschön besuchte ich mit ihnen das Johannisfest in Fontvielle. Es waren außer uns fast keine Touristen dabei, denn das Fest wurde nicht groß angekündigt, schon garnicht auf dem Campingplatz. Trotzdem war der Andrang groß, denn ganz Fontvielle feierte.

Ich konnte sehen, wie beeindruckt meine Begleiter waren - erst ging es zum Altenheim, dann erst auf den Festplatz, es war inzwischen dunkel geworden und nur das Johannisfeuer gab Licht, als die Menschen in ihren Trachten um das Feuer tanzten, zu den traditionellen Melodien, die auf den traditionellen Instrumenten gespielt wurden. Zum Abschluß wurde natürlich die Hymne gesungen. Meine Begleiter waren ganz still, als wir zurück zum Campingplatz gingen. Am nächsten Morgen sagten sie mir, wie beeindruckt sie waren und wie sehr das Fest ihr Gemüt berührt hatte.

Das ist die Provence, wie wir - mein Mann und ich - sie kannten und im Herzen trugen.